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Reichtumg und Mitleid

Autor: LenaSalewski | Datum: 16 Juli 2013, 15:43 | Kommentare deaktiviert

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Wer viele Kinder hat ist reich.

Reich ist, wer viele Kühe besitzt.

Wer eine große Fläche Land besitzt ist reich.

Reich ist, wer viele Bananenpflanzen besitzt.

Wer genug zu essen hat ist reich.

Wer großes Vertrauen in Gottes Liebe hat ist reich.

Reich ist der, der viele Freunde und/oder eine große Familie hat.

 

Hast du geschmunzelt oder vielleicht sogar gegrinst?

Ganz ehrlich, würdet ihr diese Aussagen unterschreiben? Oder eher diese: Wer viel Geld hat ist reich! ?

 

Wieso meint die große Mehrheit der Menschen, dass Geld so wichtig ist? Wieso stempeln wir jeden, der nicht viel Geld besitzt als arm und hilfsbedürftig ab?

 

Stellen wir uns vor: Jeder Mensch hat ein Feld um sein Haus und isst, was er erntet. Wenn man etwas anderes haben möchte, dann wird getauscht. Ein Kilo Reis gegen 2 Kilo Ananas. Eine Kuh gegen 2 Schafe und 5 Kilo Mais.

Grinst du schon wieder?

 

Geld kann man nicht essen, das weiß jeder. Und trotzdem wird mit Geld Sicherheit und Zufriedenheit verbunden. Natürlich stimmt das auch, in gewissem Maße. Was würde passieren, wenn jeder Mensch in Deutschland sein „virtuelles“ Vermögen von der Bank nehmen möchte? Da verliert das Geld plötzlich seinen Wert, denn selbst wenn es genügend Scheine gäbe, dass jeder sein Vermögen ausgezahlt bekommt, der Wert würde rapide sinken. Inflation.

In außergewöhnlichen Situationen wird plötzlich sichtbar, dass ein Schein, auf dem eine 5, 10 oder 100 steht, nur ein Stück Papier ist. Papier, das nicht satt macht.

Solche Situationen sind uns bekannt, sie sind keine Hirngespinste. Kriege und Wirtschaftskrisen zum Beispiel.

 

Wieso schreibe ich das auf meinen Blog? Bin ich plötzlich zum Wirtschaftsexperten geworden? Nein, ich möchte euch etwas anderes zeigen.

Wir stempeln jeden Menschen, der nicht viele von diesen besonderen Stücken Papier besitzt als arm und hilfsbedürftig ab. Er braucht unsere Hilfe, wir schicken ihm dieses Papier und machen ihm klar, dass er das braucht, um glücklich zu sein. Um zu leben. Das ist seit der Kolonialisierung so. Als die Europäer in Afrika (ich werde präziser, da es in meinem Blog nicht um andere Länder gehen kann, weil ich dort keine Erfahrungen gemacht habe), als sie in Tansania ankamen, da brachten sie ihre Werte mit und zwangen den dort lebenden Menschen diese Werte auf. Christentum, Kapitalismus.

Wenn ich durch Ntoma laufe und die Häuser sehe, die aus Lehm gebaut sind und ein Grasdach haben, wenn ich Menschen mit dreckigen und zerrissenen Kleidern sehe, dann habe ich Mitleid. Ich denke, dass ich es so gut habe in meinem Leben und die Menschen, denen ich begegne zu einem Großteil schlecht. Ich denke darüber nach, wie ich ihnen helfen könnte. Damit sie ein „ordentliches“ Haus und „genügend“ Kleider besitzen können. Ich stelle mich über diese Menschen und spreche ihnen das Recht ab, selber zu entscheiden, was sie im Leben wichtig finden. Wären sie glücklicher, wenn das Loch in der Hose nicht da wäre oder sie ein Haus mit innenliegender Sitztoilette und Fernseher hätten? Vielleicht, vielleicht nicht. Ich möchte nicht sagen, dass diese Menschen nicht genug zum Leben haben sollten. Oder die Möglichkeit eine gute medizinische Versorgung zu bekommen, wenn sie sie brauchen.

Natürlich hat ein Haus mit Grasdach eine viel höhere Gefahr, Feuer zu fangen.

Aber wieso muss die Person, deren Toilette und Küche außerhalb des Hauses liegen mein Mitleid bekommen?  Wieso kann ich es nicht erst einmal als eine andere Lebensform, als gleichwertig anerkennen? Zum Beispiel gibt es in Tansania nun einmal keinen Winter wie in Deutschland und hier in Kagera, die Region in der ich lebe, keine Temperaturen, in denen die Menschen nicht draußen sitzen könnten. Viele Menschen hier kochen auf Kohle oder Holz. Nicht weil sie arm sind, sondern weil viele auf dem Feld, das um ihr Haus liegt nun einmal Unmengen an Holz „umsonst“ finden. Es ist praktisch. Und doch empfinden wir in vielen Situationen automatisch Mitleid, weil wir so sozialisiert wurden. Ich wurde so sozialisiert, in den Medien, in der Schule, zuhause. Die Lebensform, die nicht unserer westlichen gleicht wird automatisch abgewertet, Religionen, die nicht dem Christentum oder Islam gleichen, die Art wie Kinder erzogen werden, die Art wie Liebe gelebt wird, die Kleidung.

Wird eine schwarze Frau in Deutschland in einem Kitengekleid (farbige Stoffe, die maßgeschneidert werden) gesehen, würde ich sie so ernst nehmen, wie eine andere Frau, egal welcher Hautfarbe, in einem Hosenanzug?

 

Wieso sollten wir die Menschen, die nicht viel Geld besitzen gleich bemitleiden? Viele der Menschen um mich herum, besitzen nicht viel Geld. Und doch, selbst in Kriegen und bei Inflation haben sie genug zu essen, da sie um ihr Haus herum Bananenpflanzen, Bohnen, Mais und Früchte anbauen. Die Ernte kann durch Umwelteinflüsse zerstört werden, der Wert des Geldes durch Inflation oder unmoralisch handelnde Menschen in Banken.

 

Ich habe kein Fazit, ich möchte nicht sagen, dass Geld in Deutschland nicht für die meisten Menschen notwendig ist, weil sie in Städten wohnen und kein Feld selber bewirtschaften können. Ich möchte dich nur ermuntern mal darüber nachzudenken, was und wen du alles bemitleidest. Und ob es nicht viel mehr bringen würde, mitzufühlen. Sich in die Situation hereinzudenken und sie erst einmal zu verstehen, bevor man sie als weniger wert und veränderungsbedürftig ansieht. Mifühlen, denn dann hinterfragt man zunächst die Gefühle des Gegenübers und fühlt dann das Gleiche.

Jetzt lies noch einmal die anfänglichen Statements, vielleicht ohne Grinsen.

 

 

„Jeder ist ein Genie.

Aber wenn du einen Fisch danach beurteilst,

ob er auf einen Baum klettern kann,

wird er sein ganzes Leben glauben,

dass er dumm ist.“

Albert Einstein

 

 

Mal was anderes

Autor: LenaSalewski | Datum: 13 Juli 2013, 09:35 | Kommentare deaktiviert

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Mir ist bewusst geworden, dass viele meiner Berichte sehr stereotypisch waren und ein falsches beziehungsweise nicht vollständiges Bild ergeben. Ich bin mir dabei bewusst, dass ich niemals auch nur ansatzweise ein komplettes Bild meines Lebens oder gar der verschiedenen Individuen geben kann, denen ich hier jeden Tag begegne, geben kann. Aber ich möchte einmal einen Einblick geben, wie viel komplexer und uneinsichtiger unser Leben in Ntoma eigentlich ist. Das habe ich wohl, obwohl ich versucht habe, nicht in Rastern zu denken, immer noch sehr einseitig und exotisch dargestellt. Also jetzt mal ein paar Einblicke, die ich genauso als einzelne Momentaufnahmen darstelle, die sie sind, genauso wie jede andere Situation, die ich bisher geschildert habe.

 

Es klopft an meiner Tür und ein circa 10-jähriger Nachbarsjunge steht in der Tür. Ich hatte ihm einmal eine DVD ausgeliehen, nun kommt er mit einem anderen Film zu mir und möchte ihn gerne schauen. Ich konnte nicht ganz verstehen, wieso er ihn nicht Zuhause schauen wollte oder konnte, da es bei ihm Zuhause durchaus einen DVD-Player gibt, im Gegensatz zu meinem Haus, was ich ihm dann erkläre. Er erwidert daraufhin, dass ich doch einen Laptop habe. Nachdem ich erwidert habe, dass der aber kein CD-Laufwerk hat, meint er, ob er denn mal mit einem USB-Stick vorbeikommen könnte, um sich Musik von mir zu kopieren.

 

Ein Freund von mir benutzte meine Kamera an einem Abend, an dem viele Lehrer zusammen gekommen waren, um einen Film zu schauen. Er drehte lauter Videos an dem Abend, die er daraufhin in tagelangen Arbeiten zu einem Film zusammenschnitt und uns als Erinnerung an diesen Abend, beziehungsweise einen Abend wie so viele, den wir zusammen verbracht haben, widmete.

 

Ich genieße hier in Ntoma sehr viele Privilegien. Meine Arbeitszeit liegt bei 7 Stunden jeden Tag, die der meisten anderen Arbeitern bei 9 Stunden durchschnittlich. Während die „Mädchen“ (Arbeiterinnen des Waisenhauses) jeweils nur ein Zimmer haben oder sogar teilen, eine gemeinsame Küche, Essraum, Dusche und Toilette draußen haben, besitze ich ein Haus für mich selbst. Mit all den aufgezählten Dingen innerhalb, plus Wohnzimmer, Ofen, warmer Dusche, Kühlschrank. Ich bin sehr dankbar für diesen Luxus und doch frage ich mich oft nach der Legitimation dafür, wie auch für viele andere Vorteile, die ich genießen darf. Habe ich Anrecht auf diese Dinge nur weil ich weiß bin? Und was sagt es aus, wenn Menschen mir erzählen, wie mutig ich doch bin, mich auf das „Abenteuer Afrika“ einzulassen? Ob einer der über 40 Millionen Tansanier dies schonmal gehört hat?

 

Eine befreundete, mittelalte Diakonisse fragte mich, ob sie denn wohl auch das Internet mit ihrem Handy nutzen könnte, um ihre Mails damit abzurufen.

 

Nach meiner Klage über einige Computerprobleme infolge von Viren gegenüber einem Freund fragte der mich nach dem genauen Zustand des PCs und der Wiederherstellungs- und Virenprogramme, die ich besäße. Auf jede dieser Fragen musste ich zugeben, dass ich keine Ahnung habe, woraufhin er kopfschüttelnd sagte, ich müsste doch mit meinem PC umgehen können, wenn ich einen besitze. Ich sollte ihn doch mal vorbeibringen, damit er sich ihn angucken könnte.

 

Mit nicht wenigen Freunden tausche ich öfters Filme und Musik aus.

 

Ich treffe junge Erwachsene, die mir von ihren neuen Motorrädern und Autos vorschwärmen. Nach dem Tanzen und Betrinken im Club könnte man ja noch zu Einem nach Hause gehen und Billard spielen.

 

Einer der Chöre in Ntoma drehte vor kurzem professionelle Musikvideos zu ihren selbstkomponierten Liedern. Wochenlang wurde täglich jeder Tanzschritt bis in das letzte Detail trainiert bis ein professionelles Kamerateam aus Dar es Salaam kam, um mit mehreren Kameras, an verschiedenen Orten, mit unterschiedlicher Kleidung und Chorzusammensatzungen ungefähr 10 Lieder in den Kasten zu bringen. Die CD mit nur Musik gab es vorher schon zu kaufen.

 

Ich möchte zum Chor gehen. Leider ist Stromausfall und wir können nicht proben, weil der aufgenommene Gesang und die Musik vom USB-Stick nicht in das Keyboard und somit aus den aufgebauten großen Konzertboxen kommt.