VEM-Freiwillige   2017/2018   2016   2015   2014   2013   2012   2011   2010   2009 

Alena | Anne | Annika | Augustin | Freddy | Janina | Lars | Lena K | Lena S | Luise | Maike | Manuel | Maren | Mona | Nele | Sebastian | Viola | Wiebke | Yasha

Menu:

Archiv

Blog durchsuchen:

Wahaya pur Teil II

Autor: LenaSalewski | Datum: 01 Mai 2013, 11:56 | Kommentare deaktiviert

Normal 0 21 false false false MicrosoftInternetExplorer4

Ja, die Woche hatte erst angefangen. Montag Morgen war die Easter Conference vorbei und ich hatte die Einladung von einer Schülerin, die mittlerweile eine meiner besten Freundinnen geworden ist, doch zu ihr nach Hause, ins Dorf, zu kommen. Ich habe mich gerne darauf eingelassen, noch ein wenig naiv, dass mich ein Dorf ja nicht schocken kann, da ich ja auch in Ntoma in einem Dorf lebe. Richtig und falsch.

Zwar ist Ntoma ein Dorf, allerdings lebe ich in der Dorfmitte, wo die Häuser noch vergleichsweise luxuriös ausgestattet sind. Strom, Betten, Sofas, oft sogar Fernseher und innenliegende Badzimmer und Küchen. Wenn Menschen mitteilen möchten, dass sie ihre Familien besuchen, dann wird allgemein gesagt: „Naenda kijijini.“ Ich gehe ins Dorf.

So machten wir uns zu Fuß auf den Weg, mit dem Plan, das nächste PikiPiki zu nehmen, das uns entgegenkommt. Ja, man passt locker zu zweit und mit ein bisschen Gepäck auf ein Motorrad… Zu unserem Pech ist uns nur leider kein Motorrad begegnet und so sind wir 2,5 Stunden in der heißen Sonne gewandert und geklettert. Die ersten zwei Stunden waren noch auf der Straße, zwar meist berghoch, aber noch gut machbar. Die Belohnung war ein Plateau mit einer atemberaubenden Aussicht. Das Plateau lag auf einem Berg, und den hieß es dann herunterklettern. Es hat mich an unsere Urlaube in Bayern erinnert, in denen wir immer in den Bergen wandern gegangen sind. Nur hat man da eine Wasserflasche dabei und weder Flip Flops, noch ein Kleid an… Aber das war auch nicht das erste Mal so und wird auch nicht das letzte Mal hier so sein. Es ging durch Bachläufe (da sind Flip Flops dann doch praktischer) und über Stock und Stein. Mit ein paar Schürfwunden und von oben bis unten mit Matsch bespritzt kam wir dann ziemlich fertig an, im Dorf. Das heißt, bei einer 5-köpfigen Familie, die sich ein Haus aus Steinen inmitten ihrer „shamba“ (Feld, hausptsächlich bestehend aus Bananenpalmen) gebaut haben. Ein Großteil der Menschen hier in der Region Kagera ist Bauern. Was sie ernten, wird gegessen, was übrig bleibt, verkauft. So besitzen viele Menschen nicht viel Besitz in Form von Geld, dafür habe ich aber nur selten davon mitbekommen, dass es an Nahrung fehlt. Montag ging es dann noch in den Gottesdienst und später alle möglichen Nachbarn besuchen, die zum Großteil irgendwie der Verwandtschaft angehören. Besuche in Tansania bedeuten zumeist, dass man mindestens 2 Tassen Tee trinken „muss“ und entweder Kaffeebohnen oder Erdnüsse, manchmal sogar beides, zum Snacken gegeben wird. Ist es nur ein kurzer, unangekündigter Besuch, der nicht zur Essenszeit stattfindet, geht man irgendwann wieder, der Rest der Snacks wird auch nicht stehen gelassen, sondern eingesteckt. Da wir von mittags bis abends unterwegs waren, gab es zweimal riesige Teller Mittagessen, sehr viele Kaffeebohnen und Erdnüsse, mindestens 10 Tassen Tee und noch einen großen Teller mit vollwertigem Abendessen um 22 Uhr. Meine bisherige Erfahrung ist, dass die Menschen hier zweimal am Tag kochen, dafür das Frühstück meist nur aus Tee besteht. Das Essen, was ich am meisten bekommen habe, waren Kochbananen mit einer Sauce aus Dagaa (Babyfisch) und eventuell ein wenig Gemüse.

Am nächsten Tag, Dienstag ging es dann weiter, wieder einmal zu Fuß, wieder in der knallenden Sonne, zunächst für etwa 2 Stunden zu Fuß, dann noch eine halbe Stunde mit dem Motorrad, zu der Schwester meiner Freundin. Die Familie mit 3 Kindern wohnt in einem größeren und luxuriöseren Haus, dessen Wände mit Zement verputzt waren. Die Böden vieler Häuser sind unzementiert. Damit man nicht auf der Erde sitzt, wird er mit Heu ausgelegt, wenn das Geld reicht, gibt es Matten aus Sisal, auf die man sich setzt. So verbrachten wir den Dienstag ruhig Zuhause, um uns auszuruhen. Die Toilette befand sich etwa 50 Meter vom Haus entfernt, ein gebuddeltes etwa 1x1 Meter großes Loch, an dessen Seiten man einen Zaun aus Stöcken und Blättern baut, als Sichtschutz, wahlweise mit oder ohne Dach. Über dem Loch liegen zwei oder mehr Holzlatten, auf denen es zu balancieren gilt. Die Dusche war eine ebenfalls circa 1x1 Meter große Zelle, nicht ganz so weit vom Haus entfernt, nur dass es kein Loch gab. Dafür gab es eine Schüssel mit (kaltem) Wasser und eine Seife. Für die Küche wird oft ein kleines Häuschen gebaut, mit Gras- oder Wellblechdach (genauso wie das Haupthaus), damit auch bei Regen gekocht werden kann.

Ich wurde auch dort extrem freundlich aufgenommen und habe mich gleich sehr wohl gefühlt. Ich habe schon sehr oft festgestellt, dass es einen riesigen Unterschied macht, ob die Menschen um einen herum daran gewöhnt sind, mit Weißen umzugehen. In der Stadt wird mir zwar auch oft hinterher gerufen und ich werde zugequatscht. Im Dorf wird dann noch mehr gestaunt und die interessantesten Fragen gestellt. So wurde mir schon einmal ernsthaft erzählt, dass Europäer nur sterben, wenn sie aus Liebeskummer Selbstmord begehen.

Die nächsten Tage waren sehr interessant, wieder einmal viele Besuche. Was mir nicht gefiel war, dass fast ausschließlich Kihaya gesprochen wurde. Ich kann nur Brocken Kihaya und es ist sehr frustrierend, wenn man 8 Monate sich große Mühe gibt, Kiswahili zu lernen, um sich zu integrieren und im Endeffekt sitzt man doch wieder nur daneben und es wird in einer unbekannten Sprache über einen gesprochen. So kam es nicht selten vor, dass alle mich angeguckt und gelacht haben. Das kommt leider relativ häufig vor und ist sehr nervig. Es kam sogar vor, dass meine Freundin zum Beispiel nach meinem Alter auf Kihaya gefragt wurde, sie es mir auf Kiswahili übersetzt hat, ich auf Kiswahili geantwortet habe und dann alle in Kihaya darauf reagiert und darüber geredet haben, obwohl alle Anwesenden fließend Kiswahili können!

Ein paar erinnerungswürdige Begebenheiten gab es auch noch. Zum Beispiel, wenn man nachts nicht alleine zur Toilette gehen darf, weil zu gefährlich und man leider Probleme mit dem Magen hat… oder wenn man nachts wach liegt und eine Ratte über einen drüber läuft. Oder die Freude der Kinder, als ich ihnen Luftballons geschenkt habe.

Die selbstlose Gastfreundschaft hat sich in vielen Facetten gezeigt. So wurde meine Wäsche gewaschen, obwohl ich mich versucht habe zu weigern. Später ging mein Flip Flop kaputt. Also wurde ein Kind mit dem Schuh zum Schuster geschickt. Als ich später fragte, wem ich wie viel dafür geben sollte, hatten sie schon für mich gezahlt und wollten mein Geld nicht annehmen!

 

Insgesamt bin ich unglaublich dankbar für die Erfahrungen, die ich in dieser Woche machen durfte. Ich bin so unglaublich freundlich aufgenommen worden, ich werde immer noch angerufen und gefragt, wann ich denn wieder zu Besuch komme. Ich habe so viel gelernt, durch und mit den Menschen und war begeistert auch, wie interessiert ich nach Deutschland gefragt wurde und wie reflektiert Manche auch über ihre eigenen Lebenssituationen sind.

Viele Situationen hören sich viel schlimmer an, als sie in dem Moment tatsächlich sind. Ich konnte lernen, wie schnell man sich an vieles gewöhnt und wie gut man auch ohne viel Luxus gut leben kann. So war nach 2 Tagen die gemeinsame kalte „Dusche“ draußen überhaupt kein Ding mehr. Und ich habe mich schon lange daran gewöhnt, dass in einer Bohnensauce (die hier so ziemlich jeden Tag gegessen wird) immer auch ein paar kleine Käfer schwimmen… was solls, wenn man Termiten und Heuschrecken sogar als Delikatesse isst?

Die Menschen hier sind Improvisationskünstler! Es gibt kein Sieb? Dann nimmt man eben eine Handvoll Heu. Es gibt kein Toilettenpapier? Kein Problem, Blätter tun auch ihren Dienst! Es gibt kein Spülmittel? Eine Handvoll Erde oder Asche kratzen auch das letzte Angebrannte aus dem Topf! Es gibt keinen Wasserhahn? Dann holt man eben Wasser vom Fluss und verbraucht nur 3 Liter zum Duschen.

Ich habe in den letzten 8 Monaten realisiert, was wir für einen hohen Lebensstandard in Deutschland haben, und für wie selbstverständlich wir ihn halten! Ich denke, es könnte sich viel ändern, wenn wir bewusster mit unseren Möglichkeiten umgehen. Und nicht nur egoistisch und arrogant uns vor der Realität Anderer verschließen, um unsere Lebensweise und unser Konsumverhalten nicht in Frage stellen zu müssen.

Ich bin schon so vielen Menschen hier begegnet, die alles teilen, was sie haben. Kinder werden vollkommen selbstverständlich in eine Familie aufgenommen, Schulgeld für Verwandte wird bezahlt, Gäste (und mögen sie so reich sein wie ich) werden tagelang aufgenommen, durchgefüttert, ohne irgendeine Gegenleistung zu erwarten. Ich bewundere diese Menschen, versuche von ihnen zu lernen und eine große Portion solcher Nächstenliebe mit in mein Gepäck nach Deutschland zu nehmen.