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Wahaya pur

Autor: LenaSalewski | Datum: 11 April 2013, 13:17 | Kommentare deaktiviert

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Lieber Blog-Leser,

ja, ich weiß, der letzte Blog-Eintrag ist schon relativ lang her. Das liegt nicht daran, dass ich nichts zu erzählen hätte, eher im Gegenteil. Mein Alltag wird im Moment von so vielen erzählungswürdigen Ereignissen unterbrochen oder begleitet, dass ich erstens kaum die Zeit finde und zweitens nicht weiß, was ich herauspicken sollte. Aber jetzt weiß ich es! Und zwar handelt es sich um eine Zeitspanne von einer Woche, die ich als „Tansania pur!“ bezeichnen könnte. Oder „Wahaya pur!“, denn ich wurde tief in die Kultur der Wahaya, dem Stamm meiner Region mitgenommen.

 

Es begann am Ostersamstag. Morgens ging ich zuerst zum Busstand, mit dem DallaDalla (einem Kleinbus mit europäisch circa 15 Plätzen, tansanisch reicht es aber ins Unendliche, naja, als ich noch gezählt habe, waren es einmal 36 Menschen). An der Endstation ging es dann mit einem PikiPiki, dem Motorradtaxi weiter. Der Zielort war eine Secondary School, wo die Easter Conference war. Die Easter Conference findet jedes Jahr statt, immer an einer anderen Schule und ist eine Versammlung von Schülern der Secondary School und Berufsschulen der Lutherischen Kirche der Region. Sie geht 5 Tage, ich habe nur die letzten 2 mitbekommen. Ein bisschen planlos an der Schule ankommend, wurde ich nach wenigen Minuten von „meinen Schülern“ bzw. meinen Freunden entdeckt, die mich ziemlich stürmisch begrüßt haben und ganz ungläubig waren, dass ich diese lange und komplizierte Reise tatsächlich alleine geschafft habe.

Von vielen tansanischen Feiern schon vorgewarnt, habe ich ehrlich gesagt für mich langweilige Tage erwartet. Wer hätte gedacht, dass alles außer Langeweile aufkommt. Nach einem Tee ging es dann weiter im Programm, Wettbewerbe. Das heißt, Shows, bei denen in der Gruppe zu Musik vom Band „gesungen“ und getanzt wird, Anspielwettbewerbe, Chorwettbewerb und so weiter… der Chorwettbewerb ist eine ziemlich große Sache und die Schüler haben einen Monat lang jeden Abend 2 oder 3 Stunden geübt, sie singen in der Regel auch echt gut. Nur leider war von den 4 Liedern eins im Endeffekt mit dem falschen Ton angefangen und so ziemlich daneben. Sie waren enttäuscht, am Ende waren sie nur 4. von 5. Nach einem reichlichen Abendessen, ich „musste“ bei den Lehrern mitessen, die Kochbananen, Reis, Bohnen und Fleisch bekommen, und genau das gleiche zweimal am Tag, die Schüler bekamen nur Reis mit Bohnen, ebenfalls zweimal am Tag, gab es Disco. So wie ich es bisher oft beobachten durfte, liebt der absolute Großteil der Menschen hier tanzen. Im Gegensatz zu Deutschland braucht dafür auch niemand einen Schluck Alkohol. Normalerweise halte ich mich beim Tanzen eher zurück und bewundere die Leichtigkeit und Ungehemmtheit, mit der getanzt wird vom Rand der Tanzfläche. Wieso? Tja, genau deswegen:

Da ich schon den ganzen Nachmittag nur beim Tanzen zugeschaut habe, hatte ich abends dann ziemlich Lust, auch selber das Tanzbein zu schwingen. Praktischerweise gab es ein Problem mit den Lampen und so war die Tanzfläche relativ dunkel. Da fällt dann eine Weiße nicht so sehr auf. Also habe ich getanzt, mit einer guten Freundin aus der Schule. Nach circa einer halben Stunde ging dann das Licht überall an und die „Mzungu“ wurde entdeckt. Die ersten Handys und Kameras wurden gezückt, um Fotos und Videos von der tanzenden Weißen zu machen. Normalerweise verdirbt mir das ziemlich die Stimmung, aber nach 7 Monaten wurde aus Scham dann Trotz und ich habe einfach weitergetanzt. Es gab auch die ersten Leute, die mich gefragt haben, wer mir denn tansanisch tanzen beigebracht hat und ähnliches, was mich bestärkt hat. Also habe ich getanzt und getanzt bis der Schweiß lief, was hier aber auch ganz normal scheint. Nach einer Weile hat es sich dann immer mehr herumgesprochen und nach ein paar Minuten haben die 300 Schüler, die vorher alle getanzt haben, aufgehört zu tanzen und sich in einen Kreis gestellt. Und wer war in der Mitte des Kreises? Richtig, ICH. Zusammen mit 1 Schülerin und 2 Schülern aus Ntoma haben wir also getanzt, während alle anderen zugeguckt haben. Naja, mein Trotz wurde immer stärker und ich dachte mir, dann sollen sie mal wirklich einen Grund bekommen, die Weiße anzustarren. Sagen wir mal, es wird bis heute noch darüber geredet… haha. Um 1 Uhr morgens fing dann die Wahl von Schülervertretern an (wieso macht man so etwas um 1 Uhr morgens, wenn die Hälfte der Schüler schon schläft?) und ich bin todmüde ins Bett gefallen. Unsere Betten befanden sich in den Schlafräumen, da es sich teils um eine Boarding School handelte. So hatten wir Glück und mussten „nur“ mit 22 Schülern in einem Raum schlafen und hatten richtige Betten, und Matratzen… im Dunkeln ins Bett fallend, hatte ich nicht für lange Vergnügen von ausruhen… denn ich spürte es krabbeln, so ziemlich überall. Nach 10 Minuten konnte ich im Dunkeln dann auch Krabbelndes ausmachen und habe mich hilflos auf den Boden gesetzt. Zum Glück kamen noch ein paar Schülerinnen, die mit ihren Handytaschenlampen das Unheil ausmachen konnten… wahrscheinlich das ekeligste, das ich in meinem Leben gesehen habe, praktisch die ganze Matratze hat von winzigsten Tierchen gekrabbelt, dazu gab es aber auch noch 0,5-1 cm große Wanzen oder so, die sich auch auf mir und meiner Kleidung schon verteilt hatten. Also erst einmal alles ausziehen. Um 3 Uhr morgens hat sich dann eine Lösung gefunden, und zwar hat die andere Lehrerin, die schwanger war und noch ist, sich dazu bereiterklärt, ihr Bett zu teilen. Gut, dass es großzügige 60 cm breit war. Die Lehrerin war plötzlich putzmunter, da sie schon um 9 Uhr ins Bett gegangen war und fing um 3 Uhr morgens an, sich lautstark mit einer Anderen zu unterhalten, und das für eine Stunde, sodass ich erst um 4 Uhr endlich Schlaf gefunden habe. Dazu muss man allerdings sagen, dass es keine böse Absicht war, sondern, soweit ich mitbekommen habe, hier „Rücksicht nehmen“ nicht bekannt ist. Das war für mich schon zu mehreren Gelegenheiten sehr befremdlich und nervig, aber das gilt ja für alle Parteien. Außerdem sind die Menschen hier ihr Leben lang daran gewöhnt, mit mehreren Leuten in einem Raum zu schlafen und lassen sich von nichts so schnell wecken.

Die Nacht war sehr kurz, denn um 6 Uhr waren schon wieder alle wach, um sauberzumachen und sich zu duschen. So wurde auch ich angehalten, schnell duschen zu gehen, da um 7 Uhr der Gottesdienst anfangen sollte. Leider war es ein sehr kalter Morgen, ja, auch hier kann es wirklich kalt sein, wenn es draußen noch stockduster ist, es in Strömen regnet und ein ziemlich eisiger Wind bläst. Trotzdem bin ich rausgegangen, die 100 Meter bis zu den Duschhäuschen durch den Regen gerannt, und in einem zugigen Häuschen, in dem es genauso kalt war wie draußen, mit einer Schüssel kaltem Wasser geduscht. Um Viertel vor 8 ging dann der Gottesdienst los, Frühstück gab es erst danach. Ich wusste nicht, wie lange ein Gottesdienst dauern kann, real, aber vor allem gefühlt… Der 4-stündige Gottesdienst kam mir wie eine kleine Ewigkeit vor, da ich alle Kraft dazu aufbringen musste, meine Augen offenzuhalten, nach 2 Stunden Schlaf, dazu der Magen nach einem Frühstück verlangt und es immer noch ziemlich kalt und man dazu vom Regen (wie aus Eimern!) vollkommen durchnässt ist. Irgendwie habe ich den Gottesdienst aber auch durchgestanden, mit nur einigen Sekundenschläfchen. Nachmittags war frei und so hat sich ein Großteil der Schüler aufgemacht, um den nahegelegenen Wasserfall anzuschauen.

Eigentlich sollte es um 14 Uhr Mittagessen geben und alle zurück sein, daraus wurde überraschenderweise nichts. Wir sind um 17 Uhr wieder in der Schule angekommen und eine Stunde später gab es Mittagessen… Ihr könnt ja schon einmal mutmaßen, um wie viel Uhr es Abendessen gab…

Abends hatte ich eine tolle Begebenheit. Und zwar war ich auf dem Weg zurück von den Toiletten, die natürlich „Plumpsklos“ und immer etwas weiter weg sind. Als ich zurückkam, wurde ich von ein paar Jungen gegrüßt, also habe ich zurückgegrüßt, was sie schon total verblüfft hat. Die meisten Tansanier gehen davon aus, dass Weiße kein Kiswahili können. Als ich sie dann noch auf Kihaya, der Stammessprache angesprochen habe, waren sie völlig aus dem Häuschen und haben mich gefragt, woher ich Kiswahili und Kihaya kann etc. Zunächst war es ein Gespräch wie so viele, ob ich einen Verlobten hätte, ob ich ihnen nicht Freundinnen in Deutschland „besorgen“ könnte. Dann kamen aber von etwas älteren Schülern wirklich tolle Fragen, die uns in eine wirklich inhaltlich tief greifende Diskussion haben kommen lassen. So wurde ich gefragt, was ich von kolonialistischen Gedanken halte, wieso Europäer glauben, sie müssten Afrika in allen Bereichen helfen, wieso Europäer Afrikaner für blöd und zurückgeblieben halten etc. Ich habe mein bestes gegeben, Vorurteile auszuräumen, habe ihnen erzählt, dass genauso wie Europäer ein falsches Bild von „Afrika“ haben, aber genauso umgekehrt. Dazu habe ich ihnen erzählt, wie es als Mzungu in Tansania ist, dass ich einfach als normaler Mensch angesehen werden möchte. So kam es dann, dass wir irgendwann in der Dunkelheit dastanden, eine Gruppe von circa 15 tansanischen Jungen und ich und immer mehr Fragen aufkamen. Nach 1,5 Stunden war ich dann aber müde vom vielen Reden und bin zurück zum Programm gegangen, wo ich besorgten Freunden erstmal erklären musste, was ich 1,5 Stunden in der Dunkelheit gemacht habe. „Ihr standet bei den Toiletten? In der Dunkelheit? Hattest du keine Angst?“ Nein, nur die         wahrscheinlich beste Unterhaltung seit Monaten, mit Unbekannten.

Das Programm ging weiter mit einer Andacht und einer Art Anbetungsteil, die mich wenig angesprochen haben und so habe ich mich zu meinen Schülern gesetzt, die für das Kochen zuständig waren und um das wärmende Feuer saßen. Es war eine sehr schöne Gemeinschaft und ich bin mit Schülern ins Gespräch gekommen, mit denen ich vorher wenig zu tun hatte, was sehr schön war. Um Mitternacht gab es dann „Abendessen“ und danach bin ich direkt ins Bett, das wieder geteilt wurde. Dann war auch schon Montag Morgen, das Ende der Easter Conference, aber noch lange nicht des Abenteuers „Tansania pur!“ Aber auf die nächsten Tage müsst ihr euch noch ein bisschen gedulden, das würde den Blogeintrag sprengen.

 

Bitte denkt daran, dass all das persönliche Erfahrungen sind, die ihr bitte nicht als „Afrikanisch“ abstempelt, noch nicht einmal als typisch tansanisch. Sie sind alle subjektiv wahrgenommen, auch wenn ich versucht habe, alles so wahrheitsgetreu wiederzugeben, wie es geht. Ich habe nichts extra übertrieben oder überspitzt dargestellt, sondern möglichst wie es war.

Es ist alles recht genau beschrieben, da ich nicht nur die Highlights herauspicken wollte, sondern es auch kleinere Dinge gibt, die ich schon sehr oft hier beobachten konnte und deshalb als „typisch Wahaya“ benennen würde. So das wenig abwechslungsreiche Essen, die Duschen draußen, Plumpsklos und so weiter. Und dass das meiste von den Menschen um mich herum als völlig selbstverständlich gesehen wird.

 

FORTSETZUNG FOLGT