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Reichtumg und Mitleid

Autor: LenaSalewski | Datum: 16 Juli 2013, 15:43 | Kommentare deaktiviert

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Wer viele Kinder hat ist reich.

Reich ist, wer viele Kühe besitzt.

Wer eine große Fläche Land besitzt ist reich.

Reich ist, wer viele Bananenpflanzen besitzt.

Wer genug zu essen hat ist reich.

Wer großes Vertrauen in Gottes Liebe hat ist reich.

Reich ist der, der viele Freunde und/oder eine große Familie hat.

 

Hast du geschmunzelt oder vielleicht sogar gegrinst?

Ganz ehrlich, würdet ihr diese Aussagen unterschreiben? Oder eher diese: Wer viel Geld hat ist reich! ?

 

Wieso meint die große Mehrheit der Menschen, dass Geld so wichtig ist? Wieso stempeln wir jeden, der nicht viel Geld besitzt als arm und hilfsbedürftig ab?

 

Stellen wir uns vor: Jeder Mensch hat ein Feld um sein Haus und isst, was er erntet. Wenn man etwas anderes haben möchte, dann wird getauscht. Ein Kilo Reis gegen 2 Kilo Ananas. Eine Kuh gegen 2 Schafe und 5 Kilo Mais.

Grinst du schon wieder?

 

Geld kann man nicht essen, das weiß jeder. Und trotzdem wird mit Geld Sicherheit und Zufriedenheit verbunden. Natürlich stimmt das auch, in gewissem Maße. Was würde passieren, wenn jeder Mensch in Deutschland sein „virtuelles“ Vermögen von der Bank nehmen möchte? Da verliert das Geld plötzlich seinen Wert, denn selbst wenn es genügend Scheine gäbe, dass jeder sein Vermögen ausgezahlt bekommt, der Wert würde rapide sinken. Inflation.

In außergewöhnlichen Situationen wird plötzlich sichtbar, dass ein Schein, auf dem eine 5, 10 oder 100 steht, nur ein Stück Papier ist. Papier, das nicht satt macht.

Solche Situationen sind uns bekannt, sie sind keine Hirngespinste. Kriege und Wirtschaftskrisen zum Beispiel.

 

Wieso schreibe ich das auf meinen Blog? Bin ich plötzlich zum Wirtschaftsexperten geworden? Nein, ich möchte euch etwas anderes zeigen.

Wir stempeln jeden Menschen, der nicht viele von diesen besonderen Stücken Papier besitzt als arm und hilfsbedürftig ab. Er braucht unsere Hilfe, wir schicken ihm dieses Papier und machen ihm klar, dass er das braucht, um glücklich zu sein. Um zu leben. Das ist seit der Kolonialisierung so. Als die Europäer in Afrika (ich werde präziser, da es in meinem Blog nicht um andere Länder gehen kann, weil ich dort keine Erfahrungen gemacht habe), als sie in Tansania ankamen, da brachten sie ihre Werte mit und zwangen den dort lebenden Menschen diese Werte auf. Christentum, Kapitalismus.

Wenn ich durch Ntoma laufe und die Häuser sehe, die aus Lehm gebaut sind und ein Grasdach haben, wenn ich Menschen mit dreckigen und zerrissenen Kleidern sehe, dann habe ich Mitleid. Ich denke, dass ich es so gut habe in meinem Leben und die Menschen, denen ich begegne zu einem Großteil schlecht. Ich denke darüber nach, wie ich ihnen helfen könnte. Damit sie ein „ordentliches“ Haus und „genügend“ Kleider besitzen können. Ich stelle mich über diese Menschen und spreche ihnen das Recht ab, selber zu entscheiden, was sie im Leben wichtig finden. Wären sie glücklicher, wenn das Loch in der Hose nicht da wäre oder sie ein Haus mit innenliegender Sitztoilette und Fernseher hätten? Vielleicht, vielleicht nicht. Ich möchte nicht sagen, dass diese Menschen nicht genug zum Leben haben sollten. Oder die Möglichkeit eine gute medizinische Versorgung zu bekommen, wenn sie sie brauchen.

Natürlich hat ein Haus mit Grasdach eine viel höhere Gefahr, Feuer zu fangen.

Aber wieso muss die Person, deren Toilette und Küche außerhalb des Hauses liegen mein Mitleid bekommen?  Wieso kann ich es nicht erst einmal als eine andere Lebensform, als gleichwertig anerkennen? Zum Beispiel gibt es in Tansania nun einmal keinen Winter wie in Deutschland und hier in Kagera, die Region in der ich lebe, keine Temperaturen, in denen die Menschen nicht draußen sitzen könnten. Viele Menschen hier kochen auf Kohle oder Holz. Nicht weil sie arm sind, sondern weil viele auf dem Feld, das um ihr Haus liegt nun einmal Unmengen an Holz „umsonst“ finden. Es ist praktisch. Und doch empfinden wir in vielen Situationen automatisch Mitleid, weil wir so sozialisiert wurden. Ich wurde so sozialisiert, in den Medien, in der Schule, zuhause. Die Lebensform, die nicht unserer westlichen gleicht wird automatisch abgewertet, Religionen, die nicht dem Christentum oder Islam gleichen, die Art wie Kinder erzogen werden, die Art wie Liebe gelebt wird, die Kleidung.

Wird eine schwarze Frau in Deutschland in einem Kitengekleid (farbige Stoffe, die maßgeschneidert werden) gesehen, würde ich sie so ernst nehmen, wie eine andere Frau, egal welcher Hautfarbe, in einem Hosenanzug?

 

Wieso sollten wir die Menschen, die nicht viel Geld besitzen gleich bemitleiden? Viele der Menschen um mich herum, besitzen nicht viel Geld. Und doch, selbst in Kriegen und bei Inflation haben sie genug zu essen, da sie um ihr Haus herum Bananenpflanzen, Bohnen, Mais und Früchte anbauen. Die Ernte kann durch Umwelteinflüsse zerstört werden, der Wert des Geldes durch Inflation oder unmoralisch handelnde Menschen in Banken.

 

Ich habe kein Fazit, ich möchte nicht sagen, dass Geld in Deutschland nicht für die meisten Menschen notwendig ist, weil sie in Städten wohnen und kein Feld selber bewirtschaften können. Ich möchte dich nur ermuntern mal darüber nachzudenken, was und wen du alles bemitleidest. Und ob es nicht viel mehr bringen würde, mitzufühlen. Sich in die Situation hereinzudenken und sie erst einmal zu verstehen, bevor man sie als weniger wert und veränderungsbedürftig ansieht. Mifühlen, denn dann hinterfragt man zunächst die Gefühle des Gegenübers und fühlt dann das Gleiche.

Jetzt lies noch einmal die anfänglichen Statements, vielleicht ohne Grinsen.

 

 

„Jeder ist ein Genie.

Aber wenn du einen Fisch danach beurteilst,

ob er auf einen Baum klettern kann,

wird er sein ganzes Leben glauben,

dass er dumm ist.“

Albert Einstein

 

 

Mal was anderes

Autor: LenaSalewski | Datum: 13 Juli 2013, 09:35 | Kommentare deaktiviert

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Mir ist bewusst geworden, dass viele meiner Berichte sehr stereotypisch waren und ein falsches beziehungsweise nicht vollständiges Bild ergeben. Ich bin mir dabei bewusst, dass ich niemals auch nur ansatzweise ein komplettes Bild meines Lebens oder gar der verschiedenen Individuen geben kann, denen ich hier jeden Tag begegne, geben kann. Aber ich möchte einmal einen Einblick geben, wie viel komplexer und uneinsichtiger unser Leben in Ntoma eigentlich ist. Das habe ich wohl, obwohl ich versucht habe, nicht in Rastern zu denken, immer noch sehr einseitig und exotisch dargestellt. Also jetzt mal ein paar Einblicke, die ich genauso als einzelne Momentaufnahmen darstelle, die sie sind, genauso wie jede andere Situation, die ich bisher geschildert habe.

 

Es klopft an meiner Tür und ein circa 10-jähriger Nachbarsjunge steht in der Tür. Ich hatte ihm einmal eine DVD ausgeliehen, nun kommt er mit einem anderen Film zu mir und möchte ihn gerne schauen. Ich konnte nicht ganz verstehen, wieso er ihn nicht Zuhause schauen wollte oder konnte, da es bei ihm Zuhause durchaus einen DVD-Player gibt, im Gegensatz zu meinem Haus, was ich ihm dann erkläre. Er erwidert daraufhin, dass ich doch einen Laptop habe. Nachdem ich erwidert habe, dass der aber kein CD-Laufwerk hat, meint er, ob er denn mal mit einem USB-Stick vorbeikommen könnte, um sich Musik von mir zu kopieren.

 

Ein Freund von mir benutzte meine Kamera an einem Abend, an dem viele Lehrer zusammen gekommen waren, um einen Film zu schauen. Er drehte lauter Videos an dem Abend, die er daraufhin in tagelangen Arbeiten zu einem Film zusammenschnitt und uns als Erinnerung an diesen Abend, beziehungsweise einen Abend wie so viele, den wir zusammen verbracht haben, widmete.

 

Ich genieße hier in Ntoma sehr viele Privilegien. Meine Arbeitszeit liegt bei 7 Stunden jeden Tag, die der meisten anderen Arbeitern bei 9 Stunden durchschnittlich. Während die „Mädchen“ (Arbeiterinnen des Waisenhauses) jeweils nur ein Zimmer haben oder sogar teilen, eine gemeinsame Küche, Essraum, Dusche und Toilette draußen haben, besitze ich ein Haus für mich selbst. Mit all den aufgezählten Dingen innerhalb, plus Wohnzimmer, Ofen, warmer Dusche, Kühlschrank. Ich bin sehr dankbar für diesen Luxus und doch frage ich mich oft nach der Legitimation dafür, wie auch für viele andere Vorteile, die ich genießen darf. Habe ich Anrecht auf diese Dinge nur weil ich weiß bin? Und was sagt es aus, wenn Menschen mir erzählen, wie mutig ich doch bin, mich auf das „Abenteuer Afrika“ einzulassen? Ob einer der über 40 Millionen Tansanier dies schonmal gehört hat?

 

Eine befreundete, mittelalte Diakonisse fragte mich, ob sie denn wohl auch das Internet mit ihrem Handy nutzen könnte, um ihre Mails damit abzurufen.

 

Nach meiner Klage über einige Computerprobleme infolge von Viren gegenüber einem Freund fragte der mich nach dem genauen Zustand des PCs und der Wiederherstellungs- und Virenprogramme, die ich besäße. Auf jede dieser Fragen musste ich zugeben, dass ich keine Ahnung habe, woraufhin er kopfschüttelnd sagte, ich müsste doch mit meinem PC umgehen können, wenn ich einen besitze. Ich sollte ihn doch mal vorbeibringen, damit er sich ihn angucken könnte.

 

Mit nicht wenigen Freunden tausche ich öfters Filme und Musik aus.

 

Ich treffe junge Erwachsene, die mir von ihren neuen Motorrädern und Autos vorschwärmen. Nach dem Tanzen und Betrinken im Club könnte man ja noch zu Einem nach Hause gehen und Billard spielen.

 

Einer der Chöre in Ntoma drehte vor kurzem professionelle Musikvideos zu ihren selbstkomponierten Liedern. Wochenlang wurde täglich jeder Tanzschritt bis in das letzte Detail trainiert bis ein professionelles Kamerateam aus Dar es Salaam kam, um mit mehreren Kameras, an verschiedenen Orten, mit unterschiedlicher Kleidung und Chorzusammensatzungen ungefähr 10 Lieder in den Kasten zu bringen. Die CD mit nur Musik gab es vorher schon zu kaufen.

 

Ich möchte zum Chor gehen. Leider ist Stromausfall und wir können nicht proben, weil der aufgenommene Gesang und die Musik vom USB-Stick nicht in das Keyboard und somit aus den aufgebauten großen Konzertboxen kommt.

 

 

 

Fotos

Autor: LenaSalewski | Datum: 15 Juni 2013, 11:11 | Kommentare deaktiviert

Ein Artikel, der ein paar Erklaerungen der letzten Zeit gibt, kommt bald, versprochen! Jetzt erstmal viel Spass mit neuen Fotos :)

 

Wahaya pur Teil II

Autor: LenaSalewski | Datum: 01 Mai 2013, 11:56 | Kommentare deaktiviert

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Ja, die Woche hatte erst angefangen. Montag Morgen war die Easter Conference vorbei und ich hatte die Einladung von einer Schülerin, die mittlerweile eine meiner besten Freundinnen geworden ist, doch zu ihr nach Hause, ins Dorf, zu kommen. Ich habe mich gerne darauf eingelassen, noch ein wenig naiv, dass mich ein Dorf ja nicht schocken kann, da ich ja auch in Ntoma in einem Dorf lebe. Richtig und falsch.

Zwar ist Ntoma ein Dorf, allerdings lebe ich in der Dorfmitte, wo die Häuser noch vergleichsweise luxuriös ausgestattet sind. Strom, Betten, Sofas, oft sogar Fernseher und innenliegende Badzimmer und Küchen. Wenn Menschen mitteilen möchten, dass sie ihre Familien besuchen, dann wird allgemein gesagt: „Naenda kijijini.“ Ich gehe ins Dorf.

So machten wir uns zu Fuß auf den Weg, mit dem Plan, das nächste PikiPiki zu nehmen, das uns entgegenkommt. Ja, man passt locker zu zweit und mit ein bisschen Gepäck auf ein Motorrad… Zu unserem Pech ist uns nur leider kein Motorrad begegnet und so sind wir 2,5 Stunden in der heißen Sonne gewandert und geklettert. Die ersten zwei Stunden waren noch auf der Straße, zwar meist berghoch, aber noch gut machbar. Die Belohnung war ein Plateau mit einer atemberaubenden Aussicht. Das Plateau lag auf einem Berg, und den hieß es dann herunterklettern. Es hat mich an unsere Urlaube in Bayern erinnert, in denen wir immer in den Bergen wandern gegangen sind. Nur hat man da eine Wasserflasche dabei und weder Flip Flops, noch ein Kleid an… Aber das war auch nicht das erste Mal so und wird auch nicht das letzte Mal hier so sein. Es ging durch Bachläufe (da sind Flip Flops dann doch praktischer) und über Stock und Stein. Mit ein paar Schürfwunden und von oben bis unten mit Matsch bespritzt kam wir dann ziemlich fertig an, im Dorf. Das heißt, bei einer 5-köpfigen Familie, die sich ein Haus aus Steinen inmitten ihrer „shamba“ (Feld, hausptsächlich bestehend aus Bananenpalmen) gebaut haben. Ein Großteil der Menschen hier in der Region Kagera ist Bauern. Was sie ernten, wird gegessen, was übrig bleibt, verkauft. So besitzen viele Menschen nicht viel Besitz in Form von Geld, dafür habe ich aber nur selten davon mitbekommen, dass es an Nahrung fehlt. Montag ging es dann noch in den Gottesdienst und später alle möglichen Nachbarn besuchen, die zum Großteil irgendwie der Verwandtschaft angehören. Besuche in Tansania bedeuten zumeist, dass man mindestens 2 Tassen Tee trinken „muss“ und entweder Kaffeebohnen oder Erdnüsse, manchmal sogar beides, zum Snacken gegeben wird. Ist es nur ein kurzer, unangekündigter Besuch, der nicht zur Essenszeit stattfindet, geht man irgendwann wieder, der Rest der Snacks wird auch nicht stehen gelassen, sondern eingesteckt. Da wir von mittags bis abends unterwegs waren, gab es zweimal riesige Teller Mittagessen, sehr viele Kaffeebohnen und Erdnüsse, mindestens 10 Tassen Tee und noch einen großen Teller mit vollwertigem Abendessen um 22 Uhr. Meine bisherige Erfahrung ist, dass die Menschen hier zweimal am Tag kochen, dafür das Frühstück meist nur aus Tee besteht. Das Essen, was ich am meisten bekommen habe, waren Kochbananen mit einer Sauce aus Dagaa (Babyfisch) und eventuell ein wenig Gemüse.

Am nächsten Tag, Dienstag ging es dann weiter, wieder einmal zu Fuß, wieder in der knallenden Sonne, zunächst für etwa 2 Stunden zu Fuß, dann noch eine halbe Stunde mit dem Motorrad, zu der Schwester meiner Freundin. Die Familie mit 3 Kindern wohnt in einem größeren und luxuriöseren Haus, dessen Wände mit Zement verputzt waren. Die Böden vieler Häuser sind unzementiert. Damit man nicht auf der Erde sitzt, wird er mit Heu ausgelegt, wenn das Geld reicht, gibt es Matten aus Sisal, auf die man sich setzt. So verbrachten wir den Dienstag ruhig Zuhause, um uns auszuruhen. Die Toilette befand sich etwa 50 Meter vom Haus entfernt, ein gebuddeltes etwa 1x1 Meter großes Loch, an dessen Seiten man einen Zaun aus Stöcken und Blättern baut, als Sichtschutz, wahlweise mit oder ohne Dach. Über dem Loch liegen zwei oder mehr Holzlatten, auf denen es zu balancieren gilt. Die Dusche war eine ebenfalls circa 1x1 Meter große Zelle, nicht ganz so weit vom Haus entfernt, nur dass es kein Loch gab. Dafür gab es eine Schüssel mit (kaltem) Wasser und eine Seife. Für die Küche wird oft ein kleines Häuschen gebaut, mit Gras- oder Wellblechdach (genauso wie das Haupthaus), damit auch bei Regen gekocht werden kann.

Ich wurde auch dort extrem freundlich aufgenommen und habe mich gleich sehr wohl gefühlt. Ich habe schon sehr oft festgestellt, dass es einen riesigen Unterschied macht, ob die Menschen um einen herum daran gewöhnt sind, mit Weißen umzugehen. In der Stadt wird mir zwar auch oft hinterher gerufen und ich werde zugequatscht. Im Dorf wird dann noch mehr gestaunt und die interessantesten Fragen gestellt. So wurde mir schon einmal ernsthaft erzählt, dass Europäer nur sterben, wenn sie aus Liebeskummer Selbstmord begehen.

Die nächsten Tage waren sehr interessant, wieder einmal viele Besuche. Was mir nicht gefiel war, dass fast ausschließlich Kihaya gesprochen wurde. Ich kann nur Brocken Kihaya und es ist sehr frustrierend, wenn man 8 Monate sich große Mühe gibt, Kiswahili zu lernen, um sich zu integrieren und im Endeffekt sitzt man doch wieder nur daneben und es wird in einer unbekannten Sprache über einen gesprochen. So kam es nicht selten vor, dass alle mich angeguckt und gelacht haben. Das kommt leider relativ häufig vor und ist sehr nervig. Es kam sogar vor, dass meine Freundin zum Beispiel nach meinem Alter auf Kihaya gefragt wurde, sie es mir auf Kiswahili übersetzt hat, ich auf Kiswahili geantwortet habe und dann alle in Kihaya darauf reagiert und darüber geredet haben, obwohl alle Anwesenden fließend Kiswahili können!

Ein paar erinnerungswürdige Begebenheiten gab es auch noch. Zum Beispiel, wenn man nachts nicht alleine zur Toilette gehen darf, weil zu gefährlich und man leider Probleme mit dem Magen hat… oder wenn man nachts wach liegt und eine Ratte über einen drüber läuft. Oder die Freude der Kinder, als ich ihnen Luftballons geschenkt habe.

Die selbstlose Gastfreundschaft hat sich in vielen Facetten gezeigt. So wurde meine Wäsche gewaschen, obwohl ich mich versucht habe zu weigern. Später ging mein Flip Flop kaputt. Also wurde ein Kind mit dem Schuh zum Schuster geschickt. Als ich später fragte, wem ich wie viel dafür geben sollte, hatten sie schon für mich gezahlt und wollten mein Geld nicht annehmen!

 

Insgesamt bin ich unglaublich dankbar für die Erfahrungen, die ich in dieser Woche machen durfte. Ich bin so unglaublich freundlich aufgenommen worden, ich werde immer noch angerufen und gefragt, wann ich denn wieder zu Besuch komme. Ich habe so viel gelernt, durch und mit den Menschen und war begeistert auch, wie interessiert ich nach Deutschland gefragt wurde und wie reflektiert Manche auch über ihre eigenen Lebenssituationen sind.

Viele Situationen hören sich viel schlimmer an, als sie in dem Moment tatsächlich sind. Ich konnte lernen, wie schnell man sich an vieles gewöhnt und wie gut man auch ohne viel Luxus gut leben kann. So war nach 2 Tagen die gemeinsame kalte „Dusche“ draußen überhaupt kein Ding mehr. Und ich habe mich schon lange daran gewöhnt, dass in einer Bohnensauce (die hier so ziemlich jeden Tag gegessen wird) immer auch ein paar kleine Käfer schwimmen… was solls, wenn man Termiten und Heuschrecken sogar als Delikatesse isst?

Die Menschen hier sind Improvisationskünstler! Es gibt kein Sieb? Dann nimmt man eben eine Handvoll Heu. Es gibt kein Toilettenpapier? Kein Problem, Blätter tun auch ihren Dienst! Es gibt kein Spülmittel? Eine Handvoll Erde oder Asche kratzen auch das letzte Angebrannte aus dem Topf! Es gibt keinen Wasserhahn? Dann holt man eben Wasser vom Fluss und verbraucht nur 3 Liter zum Duschen.

Ich habe in den letzten 8 Monaten realisiert, was wir für einen hohen Lebensstandard in Deutschland haben, und für wie selbstverständlich wir ihn halten! Ich denke, es könnte sich viel ändern, wenn wir bewusster mit unseren Möglichkeiten umgehen. Und nicht nur egoistisch und arrogant uns vor der Realität Anderer verschließen, um unsere Lebensweise und unser Konsumverhalten nicht in Frage stellen zu müssen.

Ich bin schon so vielen Menschen hier begegnet, die alles teilen, was sie haben. Kinder werden vollkommen selbstverständlich in eine Familie aufgenommen, Schulgeld für Verwandte wird bezahlt, Gäste (und mögen sie so reich sein wie ich) werden tagelang aufgenommen, durchgefüttert, ohne irgendeine Gegenleistung zu erwarten. Ich bewundere diese Menschen, versuche von ihnen zu lernen und eine große Portion solcher Nächstenliebe mit in mein Gepäck nach Deutschland zu nehmen.

 

Wahaya pur

Autor: LenaSalewski | Datum: 11 April 2013, 13:17 | Kommentare deaktiviert

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Lieber Blog-Leser,

ja, ich weiß, der letzte Blog-Eintrag ist schon relativ lang her. Das liegt nicht daran, dass ich nichts zu erzählen hätte, eher im Gegenteil. Mein Alltag wird im Moment von so vielen erzählungswürdigen Ereignissen unterbrochen oder begleitet, dass ich erstens kaum die Zeit finde und zweitens nicht weiß, was ich herauspicken sollte. Aber jetzt weiß ich es! Und zwar handelt es sich um eine Zeitspanne von einer Woche, die ich als „Tansania pur!“ bezeichnen könnte. Oder „Wahaya pur!“, denn ich wurde tief in die Kultur der Wahaya, dem Stamm meiner Region mitgenommen.

 

Es begann am Ostersamstag. Morgens ging ich zuerst zum Busstand, mit dem DallaDalla (einem Kleinbus mit europäisch circa 15 Plätzen, tansanisch reicht es aber ins Unendliche, naja, als ich noch gezählt habe, waren es einmal 36 Menschen). An der Endstation ging es dann mit einem PikiPiki, dem Motorradtaxi weiter. Der Zielort war eine Secondary School, wo die Easter Conference war. Die Easter Conference findet jedes Jahr statt, immer an einer anderen Schule und ist eine Versammlung von Schülern der Secondary School und Berufsschulen der Lutherischen Kirche der Region. Sie geht 5 Tage, ich habe nur die letzten 2 mitbekommen. Ein bisschen planlos an der Schule ankommend, wurde ich nach wenigen Minuten von „meinen Schülern“ bzw. meinen Freunden entdeckt, die mich ziemlich stürmisch begrüßt haben und ganz ungläubig waren, dass ich diese lange und komplizierte Reise tatsächlich alleine geschafft habe.

Von vielen tansanischen Feiern schon vorgewarnt, habe ich ehrlich gesagt für mich langweilige Tage erwartet. Wer hätte gedacht, dass alles außer Langeweile aufkommt. Nach einem Tee ging es dann weiter im Programm, Wettbewerbe. Das heißt, Shows, bei denen in der Gruppe zu Musik vom Band „gesungen“ und getanzt wird, Anspielwettbewerbe, Chorwettbewerb und so weiter… der Chorwettbewerb ist eine ziemlich große Sache und die Schüler haben einen Monat lang jeden Abend 2 oder 3 Stunden geübt, sie singen in der Regel auch echt gut. Nur leider war von den 4 Liedern eins im Endeffekt mit dem falschen Ton angefangen und so ziemlich daneben. Sie waren enttäuscht, am Ende waren sie nur 4. von 5. Nach einem reichlichen Abendessen, ich „musste“ bei den Lehrern mitessen, die Kochbananen, Reis, Bohnen und Fleisch bekommen, und genau das gleiche zweimal am Tag, die Schüler bekamen nur Reis mit Bohnen, ebenfalls zweimal am Tag, gab es Disco. So wie ich es bisher oft beobachten durfte, liebt der absolute Großteil der Menschen hier tanzen. Im Gegensatz zu Deutschland braucht dafür auch niemand einen Schluck Alkohol. Normalerweise halte ich mich beim Tanzen eher zurück und bewundere die Leichtigkeit und Ungehemmtheit, mit der getanzt wird vom Rand der Tanzfläche. Wieso? Tja, genau deswegen:

Da ich schon den ganzen Nachmittag nur beim Tanzen zugeschaut habe, hatte ich abends dann ziemlich Lust, auch selber das Tanzbein zu schwingen. Praktischerweise gab es ein Problem mit den Lampen und so war die Tanzfläche relativ dunkel. Da fällt dann eine Weiße nicht so sehr auf. Also habe ich getanzt, mit einer guten Freundin aus der Schule. Nach circa einer halben Stunde ging dann das Licht überall an und die „Mzungu“ wurde entdeckt. Die ersten Handys und Kameras wurden gezückt, um Fotos und Videos von der tanzenden Weißen zu machen. Normalerweise verdirbt mir das ziemlich die Stimmung, aber nach 7 Monaten wurde aus Scham dann Trotz und ich habe einfach weitergetanzt. Es gab auch die ersten Leute, die mich gefragt haben, wer mir denn tansanisch tanzen beigebracht hat und ähnliches, was mich bestärkt hat. Also habe ich getanzt und getanzt bis der Schweiß lief, was hier aber auch ganz normal scheint. Nach einer Weile hat es sich dann immer mehr herumgesprochen und nach ein paar Minuten haben die 300 Schüler, die vorher alle getanzt haben, aufgehört zu tanzen und sich in einen Kreis gestellt. Und wer war in der Mitte des Kreises? Richtig, ICH. Zusammen mit 1 Schülerin und 2 Schülern aus Ntoma haben wir also getanzt, während alle anderen zugeguckt haben. Naja, mein Trotz wurde immer stärker und ich dachte mir, dann sollen sie mal wirklich einen Grund bekommen, die Weiße anzustarren. Sagen wir mal, es wird bis heute noch darüber geredet… haha. Um 1 Uhr morgens fing dann die Wahl von Schülervertretern an (wieso macht man so etwas um 1 Uhr morgens, wenn die Hälfte der Schüler schon schläft?) und ich bin todmüde ins Bett gefallen. Unsere Betten befanden sich in den Schlafräumen, da es sich teils um eine Boarding School handelte. So hatten wir Glück und mussten „nur“ mit 22 Schülern in einem Raum schlafen und hatten richtige Betten, und Matratzen… im Dunkeln ins Bett fallend, hatte ich nicht für lange Vergnügen von ausruhen… denn ich spürte es krabbeln, so ziemlich überall. Nach 10 Minuten konnte ich im Dunkeln dann auch Krabbelndes ausmachen und habe mich hilflos auf den Boden gesetzt. Zum Glück kamen noch ein paar Schülerinnen, die mit ihren Handytaschenlampen das Unheil ausmachen konnten… wahrscheinlich das ekeligste, das ich in meinem Leben gesehen habe, praktisch die ganze Matratze hat von winzigsten Tierchen gekrabbelt, dazu gab es aber auch noch 0,5-1 cm große Wanzen oder so, die sich auch auf mir und meiner Kleidung schon verteilt hatten. Also erst einmal alles ausziehen. Um 3 Uhr morgens hat sich dann eine Lösung gefunden, und zwar hat die andere Lehrerin, die schwanger war und noch ist, sich dazu bereiterklärt, ihr Bett zu teilen. Gut, dass es großzügige 60 cm breit war. Die Lehrerin war plötzlich putzmunter, da sie schon um 9 Uhr ins Bett gegangen war und fing um 3 Uhr morgens an, sich lautstark mit einer Anderen zu unterhalten, und das für eine Stunde, sodass ich erst um 4 Uhr endlich Schlaf gefunden habe. Dazu muss man allerdings sagen, dass es keine böse Absicht war, sondern, soweit ich mitbekommen habe, hier „Rücksicht nehmen“ nicht bekannt ist. Das war für mich schon zu mehreren Gelegenheiten sehr befremdlich und nervig, aber das gilt ja für alle Parteien. Außerdem sind die Menschen hier ihr Leben lang daran gewöhnt, mit mehreren Leuten in einem Raum zu schlafen und lassen sich von nichts so schnell wecken.

Die Nacht war sehr kurz, denn um 6 Uhr waren schon wieder alle wach, um sauberzumachen und sich zu duschen. So wurde auch ich angehalten, schnell duschen zu gehen, da um 7 Uhr der Gottesdienst anfangen sollte. Leider war es ein sehr kalter Morgen, ja, auch hier kann es wirklich kalt sein, wenn es draußen noch stockduster ist, es in Strömen regnet und ein ziemlich eisiger Wind bläst. Trotzdem bin ich rausgegangen, die 100 Meter bis zu den Duschhäuschen durch den Regen gerannt, und in einem zugigen Häuschen, in dem es genauso kalt war wie draußen, mit einer Schüssel kaltem Wasser geduscht. Um Viertel vor 8 ging dann der Gottesdienst los, Frühstück gab es erst danach. Ich wusste nicht, wie lange ein Gottesdienst dauern kann, real, aber vor allem gefühlt… Der 4-stündige Gottesdienst kam mir wie eine kleine Ewigkeit vor, da ich alle Kraft dazu aufbringen musste, meine Augen offenzuhalten, nach 2 Stunden Schlaf, dazu der Magen nach einem Frühstück verlangt und es immer noch ziemlich kalt und man dazu vom Regen (wie aus Eimern!) vollkommen durchnässt ist. Irgendwie habe ich den Gottesdienst aber auch durchgestanden, mit nur einigen Sekundenschläfchen. Nachmittags war frei und so hat sich ein Großteil der Schüler aufgemacht, um den nahegelegenen Wasserfall anzuschauen.

Eigentlich sollte es um 14 Uhr Mittagessen geben und alle zurück sein, daraus wurde überraschenderweise nichts. Wir sind um 17 Uhr wieder in der Schule angekommen und eine Stunde später gab es Mittagessen… Ihr könnt ja schon einmal mutmaßen, um wie viel Uhr es Abendessen gab…

Abends hatte ich eine tolle Begebenheit. Und zwar war ich auf dem Weg zurück von den Toiletten, die natürlich „Plumpsklos“ und immer etwas weiter weg sind. Als ich zurückkam, wurde ich von ein paar Jungen gegrüßt, also habe ich zurückgegrüßt, was sie schon total verblüfft hat. Die meisten Tansanier gehen davon aus, dass Weiße kein Kiswahili können. Als ich sie dann noch auf Kihaya, der Stammessprache angesprochen habe, waren sie völlig aus dem Häuschen und haben mich gefragt, woher ich Kiswahili und Kihaya kann etc. Zunächst war es ein Gespräch wie so viele, ob ich einen Verlobten hätte, ob ich ihnen nicht Freundinnen in Deutschland „besorgen“ könnte. Dann kamen aber von etwas älteren Schülern wirklich tolle Fragen, die uns in eine wirklich inhaltlich tief greifende Diskussion haben kommen lassen. So wurde ich gefragt, was ich von kolonialistischen Gedanken halte, wieso Europäer glauben, sie müssten Afrika in allen Bereichen helfen, wieso Europäer Afrikaner für blöd und zurückgeblieben halten etc. Ich habe mein bestes gegeben, Vorurteile auszuräumen, habe ihnen erzählt, dass genauso wie Europäer ein falsches Bild von „Afrika“ haben, aber genauso umgekehrt. Dazu habe ich ihnen erzählt, wie es als Mzungu in Tansania ist, dass ich einfach als normaler Mensch angesehen werden möchte. So kam es dann, dass wir irgendwann in der Dunkelheit dastanden, eine Gruppe von circa 15 tansanischen Jungen und ich und immer mehr Fragen aufkamen. Nach 1,5 Stunden war ich dann aber müde vom vielen Reden und bin zurück zum Programm gegangen, wo ich besorgten Freunden erstmal erklären musste, was ich 1,5 Stunden in der Dunkelheit gemacht habe. „Ihr standet bei den Toiletten? In der Dunkelheit? Hattest du keine Angst?“ Nein, nur die         wahrscheinlich beste Unterhaltung seit Monaten, mit Unbekannten.

Das Programm ging weiter mit einer Andacht und einer Art Anbetungsteil, die mich wenig angesprochen haben und so habe ich mich zu meinen Schülern gesetzt, die für das Kochen zuständig waren und um das wärmende Feuer saßen. Es war eine sehr schöne Gemeinschaft und ich bin mit Schülern ins Gespräch gekommen, mit denen ich vorher wenig zu tun hatte, was sehr schön war. Um Mitternacht gab es dann „Abendessen“ und danach bin ich direkt ins Bett, das wieder geteilt wurde. Dann war auch schon Montag Morgen, das Ende der Easter Conference, aber noch lange nicht des Abenteuers „Tansania pur!“ Aber auf die nächsten Tage müsst ihr euch noch ein bisschen gedulden, das würde den Blogeintrag sprengen.

 

Bitte denkt daran, dass all das persönliche Erfahrungen sind, die ihr bitte nicht als „Afrikanisch“ abstempelt, noch nicht einmal als typisch tansanisch. Sie sind alle subjektiv wahrgenommen, auch wenn ich versucht habe, alles so wahrheitsgetreu wiederzugeben, wie es geht. Ich habe nichts extra übertrieben oder überspitzt dargestellt, sondern möglichst wie es war.

Es ist alles recht genau beschrieben, da ich nicht nur die Highlights herauspicken wollte, sondern es auch kleinere Dinge gibt, die ich schon sehr oft hier beobachten konnte und deshalb als „typisch Wahaya“ benennen würde. So das wenig abwechslungsreiche Essen, die Duschen draußen, Plumpsklos und so weiter. Und dass das meiste von den Menschen um mich herum als völlig selbstverständlich gesehen wird.

 

FORTSETZUNG FOLGT

 

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